Von Bijelo Polje nach “Boom Town” Tirana
Mittwoch, 9. Juli / Donnerstag, 10.Juli
Wir brechen früh auf um für alle Fälle genügend Zeit für diese Tagesetappe zu haben, da die Zeitangaben für die Fahrtstrecke von Bijelo Polje über Podgorica und Shkodra nach Tirana um mehrere Stunden differieren, je nach dem, wen man fragt.
Zuerst geht es also an den Wintersportgebieten der Bjelasnica und Kolasin vorbei wieder auf die Passhöhe zurück und diesmal flotter abwärts durch die Schluchten der Moraca, während die Kühle der Höhenluft wieder drückender Hitze weicht. Auch die Vegetation ändert sich entsprechend von den dichten Laubwäldern der Berge bis zum trockenen Gestrüpp im Auslauf der Schlucht kurz vor Podgorica. In der Ebene wechseln Graslandschaften und Föhrenwälder mit ausgedehnten Obstplantagen und Weinfeldern, soweit das Auge reicht. Kein Straßenschild weist hier nach Albanien oder dem nächsten großen Ort über der Grenze, Shkodra hin, die Straße wird immer enger und holpriger, bis nach einer Kuppe der Shkodrasee auftaucht, der größte Binnensee des Balkan, mit einem weitläufigen Schilfgürtel und Sumpfgebiet rundherum, einst gefürchtet als Brutstätte der Malaria und heute ein geschütztes Biotop. Ganz im Gegensatz zur von Schlaglöchern übersäten Straße wird an der neuen Zollstation zwischen Albanien und Montenegro mit EU Unterstützung emsig und in absurd großen Dimensionen gebaut, so als ob es primär um Abgrenzung und nicht um Verbindungslinien ginge – eine antizipierte Schengen-Außengrenze?
Nach dem Grenzübergang wird die Straße noch schlechter, die wenigen Kilometer bis Shkodra ziehen sich fast im Kriechgang, die parallel führende Bahnlinie ist verfallen. In der Landschaft tauchen jetzt öfters die grauen Betonkuppen der Bunkeranlagen auf, die hier zu Enver Hoxas Zeiten zur „Abwehr des äußeren Klassenfeindes“ und wohl im wachsenden Verfolgungswahn gebaut wurden. Im Gegensatz dazu stehen jetzt immer mehr bunte Einfamilienhäuser wie planlos in die Gegend gestreut, manche davon mit dem Geld und Geltungsbedürfnis der „Gastarbeiter“ zu richtigen Kitschvillen aufgeplustert. Nach jahrzehntelanger Zwangskollektivierung geht offenbar der Pendelschlag weit in Richtung des Primats des Privaten, das sich überhaupt nicht mehr um öffentliche Einrichtungen und abgestimmte Gemeindestrukturen oder eine entsprechende Raumplanung schert.
Dem Tipp des albanischen Zöllners folgend suchen wir in Shkodra nach dem Restaurant Tradita und stoßen erstmals auf der Tour auf größere Sprachprobleme, aber es ist erstaunlich wie weit man mit Ahnung und Deutung des für unsere Ohren völlig unverständlichen Albanisch kommt. Das Essen in einem der wenigen noch erhaltenen Traditionshäuser ist exzellent und wird mit einer persönlichen Führung des Gastwirts durch seine private Sammlung von aufwändig gearbeiteten albanischen Trachten verbunden.
Shkodra liegt am Südufer des gleichnamigen Sees und gleichzeitig am Zusammenfluss von Drin, Kiri und Buna inmitten einer weitläufigen Ebene, die sich bis zu den blauen Bergketten im Osten Albaniens erstreckt. Die Burganlage Rozafa, die ursprünglich aus illyrischer Zeit stammt und von den Venezianern und später unter osmanischer Herrschaft ausgebaut wurde, liegt strategisch zentral auf einem Hügel inmitten einer Landschaft, die einem fast den Atem nimmt.
Auf der Burg erreicht uns der Anruf des Veranstalters des Jazzfestivals in Tirana, dass wir bereits zum Soundcheck in der 115 km entfernten Hauptstadt erwartet werden. Große Überraschung, hatten wird doch ein Konzert erst für den nächsten Tag vereinbart und rundum angekündigt – offenbar ein weiteres Kommunikationproblem mit Lücken und Hindernissen. Trotz des Zeitdrucks schaffen wir es noch einigermaßen rechtzeitig.
Der Veranstaltungsort des mehrtägigen Tirana Jazz Fest auf der Gartenterrasse des Sheraton Hotel ist bereits voll besetzt, auch mit Vertretern der österreichischen und deutschen Botschaft, der Handelsdelegation und der Entwicklungszusammenarbeit. Im Vergleich zu den vorhergehenden Konzerten finden wir uns hier in einem ungewöhnlich elitären Ambiente wieder, das auch für die krassen sozialen Unterschiede und verschiedenen Entwicklungsgeschwindigkeiten im Lande steht, mitten in einem von Bauboom, Verkehr und Geschäftigkeit geradezu bebenden Tirana.
Slavko meistert die ungewohnte Moderation in Englisch wie bereits vor Jahren in Zimbabwe und Mosambik praktiziert, dennoch geht halt der gewohnte Schmäh ab. Die Performance und das Repertoire der Tschuschenkapelle kommen trotz der offensichtlichen Reisemüdigkeit auf den Gesichtern auch hier gut an und wird dem Anlass entsprechend noch stärker jazzig angelegt. Im zweiten Set kommen dann mit dem künstlerischen Leiter des Festivals und Musikpädagogen Fatos Qerimaj und seinem über 70 Jahre alten Vater Hetem auf der Geige (mit keyboard Unterstützung) exzellente einheimische Musiker mit auf die Bühne. Die folgende jam session löst Begeisterung aus - auch wenn das keyboard die Melange etwas versulzt - und dauert bis nach Mitternacht. Nach übereinstimmendem Urteil von Veranstalter und Publikum also ein würdiger Abschluss des Jazzfestivals – und ein weiterer Höhepunkt der Sevdah Transversale. Sevdah und der Balkan Blues sind eben auch hier in Albanien ein Begriff.
Durch die überraschende Vorverlegung des Konzerts kommt die Tschuschenkapelle zu einem wohl verdienten Ruhetag, der der Erholung und Besichtigung von Tirana gewidmet wird, bevor es zur letzten Etappe nach Zagreb weitergeht.
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